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Susanne Kandt-Horn Das Frühstück (Selbstporträt mit Philipp Otto Runge) 1977 118 x 118 cm

Susanne Kandt-Horn 
Das Frühstück (Selbstporträt mit Philipp Otto Runge)
1977
118 x 118 cm

Bild der Woche / 9 / Susanne Kandt-Horn

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Das Frühstück (Selbstporträt mit Philipp Otto Runge)

1977, 118 x 118 cm

Philipp Otto Runge und Caspar David Friedrich sind Anfang des 19.Jahrhunderts Stars und begründen mit ihren malerischen Konzepten und Anschauungen die Frühromantik in Deutschland. Runge, 1777 in Wolgast geboren und viel zu jung mit 33 Jahren gestorben, war ein bedeutender Maler, Wissenschaftler, Architekt, Theoretiker und Schriftsteller („Von dem Fischer un siine Fru“). Er setzte sich mit Farb-Theorien auseinander und konsultierte Goethe. Runge wurde auch zur Romanfigur bei Günter Grass („Der Butt“).

Was bewegt Susanne Kandt- Horn, die gleichwohl in der DDR sehr geschätzte (Nationalpreis, Vaterländischer Verdienstorden) und bekannte Malerin aus Ückeritz auf der Insel Usedom, sich mit dem genialen Künstler, Gelehrten und Philanthropen zusammen ins Bild zu setzen? Die Liebe zur Romantik, die räumliche Nähe zum Ort, an dem Runge aufwuchs, oder möchte die Künstlerin gar mit dem Verweis auf Runge ihre eigene künstlerische Leistung werten? Missverständnisse können da nicht ausgeschlossen werden.

Selbstbildnisse in der Malerei sind Bestandteil der Kunstgeschichte, vor allem der jüngeren. Zumeist als Einzelporträt verfasst, dienten sie der Selbstbefragung, auch dem Ego wohl, oder sie waren ein Ausweis künstlerischer Raffinesse („Velazques, Las Meninas“). Andere beließen es nicht beim einfachen Selbstporträt: Corinth malt sich mit dem Tod, Courbet mit seinem Sammler und Runge spiegelt sich nonchalant mit Frau und Bruder in seinem Gemälde „ Wir drei“.

Das Werk Runges war im Ostteil Deutschlands vor allem in Greifswald, sowie in Dresden als einem Wirkungsort beider Romantiker sehr präsent. Susanne Kandt-Horn mag – unabhängig vom Malstil – im Werk Runges durchaus Parallelen zu ihrer eigenen künstlerischen Haltung entdeckt haben; beeindruckend sei insbesondere, so Zeitzeugen, sein „charismatisches Sendungsbewusstsein“ gewesen und so ist es wohl vor allem Verehrung, Anerkennung, die sie dem Meister zollt. Das macht ein Blick auf unser Bild schnell deutlich.

Kandt-Horn, aus dem Hintergrund der bühnenähnlichen Kulisse, aus einer anderen Welt kommend, versunken, nahezu ein wenig unsicher, den Blick gesenkt, reicht dem wohl nur in der Einbildung anwesenden Künstler das rituelle Brot. Der entspannt dasitzende Runge, dominant im Vordergrund, blickt uns, umkränzt von symbolträchtigen weißen Lilien selbstbewusst an. (Oder schaut er in einen Spiegel, um dort Susanne Kandt-Horn zu sehen?) Mit dem Saum der roten Decke halbiert sich das Bild, man könnte meinen, in ein Spiegelbild, denn in gewissem Sinne findet hier ja eine Spiegelung statt. Zu den Füßen Runges seine Zeichnungen zur Farbtheorie der Farbkugel und – ebenfalls auf seiner imaginären Seite, als Zugabe – Insignien der DDR Alltagskultur, die typische Milchflasche und der unvermeidliche „Rosenthaler Kadarka“, im Gleichgewicht mit anderen Utensilien auf der Gegenseite, die, ebenfalls symbolisch gedacht, das malerische Gleichgewicht herstellen.

Wesentliche Elemente des Bildes entstammen den beiden Fassungen von Runges „Der Morgen“ (1808/1809), die sich in der Hamburger Kunsthalle befinden. Und ebenjener Titel veranlasste die Künstlerin augenscheinlich auch, ihr eignes Bild als „Frühstücksbild“ zu bezeichnen. „Der Morgen“ ist ein allegorisches Bild mit streng symmetrisch, nahezu spiegelbildlichem Aufbau. Lilien und Putten bevölkern das philosophisch-mystische Werk; im Zentrum, wie auch in unserem Bild, befindet sich, kraftvoll schreitend, Aurora, die Göttin der Morgenröte.

Susanne Kandt- Horn holt den Künstler in ihre Zeit, das ist in diesem Moment durchaus ideologisch gemeint: Schau, das ist meine Welt, meine Anschauung, schau unsere Welt, die ein Ideal hat, darum die Friedenstaube, unser Staat ist stark, unsere Kraftwerke stehen dafür. Kandt-Horn dürfte in den 70er Jahren kaum an Umweltaspekte gedacht haben, erst später wurden diese Dinge auch in der Kunst thematisiert.

„Das Frühstück“ ist in einem für Kandt-Horn typischen Stil gemalt, elementar so strukturiert wie andere, nicht zufällig an Wandbilder erinnernde Kompositionen. Götter, Krieger, Mütter und vor allem Kinder bevölkern ihren Bildkosmos. Viele ihrer Figurationen sind der archaischen Welt entliehen (Pergamon Fries), erinnern an Leger und neigen zur skulpturalen Form. Frauen hat sie stets mit Empathie würdevoll dargestellt und – wohl eine ihrer Leidenschaften – mit Perlenketten geschmückt.

In der Kunsthalle Rostock befindet sich ein erstaunlich umfangreiches Konvolut und ich bewundere, wie die Künstlerin zwischen den monumentalen Kompositionen einerseits und den kultivierten, verhältnismäßig kleinen Stillleben changiert. Susanne Kandt- Horn hat häufig betont, dass es ihr neben allem Inhalt um Schönheit ginge. Für uns Museumsleute und Kunsthistoriker ist das Werk Susanne Kandt-Horns sowohl ein ästhetisches Bekenntnis als auch ein Füllhorn malerischer Zeitzeugenschaft.

Nachsatz

Susanne Kandt- Horn war eine stets elegant gekleidete, warmherzige und noble Frau. Wir trafen uns Anfang der 80er Jahre zufällig vor dem Gebäude des neu errichteten Gewandhauses in Leipzig. Ich war wegen meiner kunstwissenschaftlichen Dissertation an der Humboldt- Universität Berlin unterwegs; Literatur aus dem Westen bekam man nur in Leipzig.

Gewandhauskapellmeister Kurt Masur (später Chefdirigent des Philhamonic Orchestra New York und anderer berühmter Orchester) hatte an diesem Tag bildende Künstler eingeladen, die mit ihren Werken zur Innenraum-Gestaltung des Gewandhauses beitrugen. Alle warteten vor dem Haus; strenge Einlass-Kontrollen. Susanne Kandt-Horn – ich wünschte ihr viel Vergnügen und wollte gehen – war wie immer offenherzig, freundlich: „Kommen Sie doch mit herein, warum nicht, ich stelle Sie als meinen Sohn vor …“

Ein verschüchterter Student wurde vom weltberühmten Impresario empfangen: unvergesslich. Danke, liebe Susanne Kandt-Horn.

Bild der Woche:
Susanne Kandt-Horn – Das Frühstück (Selbstporträt mit Philipp Otto Runge), 1977, 118 x 118 cm

Autor:
Dr. Ulrich Ptak

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