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Willi Sitte Liebespaar (Akt im Bademantel) 1977 © Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock

Willi Sitte
Liebespaar (Akt im Bademantel)
1977 
© Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock Willi Sitte
Die Sieger (Brigadesieger)
1972, 270 x 165 cm
© Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock

Bild der Woche / 7 / Willi Sitte

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Die Sieger (Brigadesieger)

1972, 270 x 165 cm

„Die Sieger (Brigadesieger)“ ist ein typisches Gruppenbild jener Zeit. Menschen ringen um die Wahrheit, sind entweder auf der richtigen Seite oder auf der falschen. Auf der richtigen Seite ist man ein „Sieger der Geschichte“, wie es damals hieß. Sozialismus und Kommunismus waren ohne Zweifel auf dem Vormarsch. Die Gesellschaft zählt, der einzelne soll sich den gemeinschaftlichen Zielen anpassen. Alle ziehen an einem Strang und der Wettbewerb „Beste Brigade“ (also bestes Team) steht auf der Tagesordnung, motiviert aber durchaus nicht alle. Werbung für das hehre Ziel, auch in der Malerei, ist da durchaus erwünscht. Viele geben tatsächlich ihr Bestes. Einige werden Aktivisten der sozialistischen Arbeit.

Die Komposition wirkt, wie alle Arbeiten Sittes: dynamisch. Das ist einer ausgefeilten Mal-Technik zuzuschreiben, die Umrisse nicht klar definiert. Das Bild strahlt Optimismus und Lebensfreude aus; das Gegenteil war selten erwünscht. Sitte selbst hat Vorgaben wahrscheinlich nicht als Dogma aufgefasst; er war überzeugter Kommunist: kein Fortschritt ohne kraftvolle Vorausschau. Die inhaltliche Komposition ist nach oben hin gestaffelt: „das Vorbild“, „die Gruppe“, „der Beste“. Der Brigadier (früher „Vorarbeiter“, dann „Teammanager“) schaut den Betrachter des Bildes selbstbewusst, vielleicht triumphierend an, seine zu großen Hände (Arbeiter!) lässig halb in die Hose gesteckt; am Revers eine Mai-Nelke, Symbol der internationalen Arbeiterklasse. Alle tragen Helme, sind Bauarbeiter oder Chemiearbeiter; in der DDR eine, wie man heute sagen würde, systemrelevante Industrie. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, wird die Farbe Rot an dominanter Stelle eingesetzt; wie eine Fahne umfasst sie die Gruppe, die – klug komponiert – das Geschehen in seiner Dynamik multipliziert. Die gesamte Szene ist aus einer Untersicht komponiert. Auch Denkmäler werden so konstruiert, dass man zu ihnen heraufschauen muss. Jede Untersicht heroisiert.

Interessant aber ist, dass hier ein nahezu religiöses Moment einfließt. Der Hochfliegende scheint geradezu gen Himmel zu streben. Und in der Tat nimmt Sitte Kompositionsanleihen von barocken Deckengemälden auf, zu denen man ja auch aufschauen muss. Die Italiener waren darin Meister, beispielsweise Andrea Pozzo, der ein anderes grandioses Verherrlichungswerk am Kapellenhimmel einer römischen Kirche realisierte. Der „Triumph des St. Ignazius Loyola“ ist dem heiliggesprochenen Begründer der als Jesuitenorden bezeichneten „Gesellschaft Jesu“ gewidmet.

Doch zurück zum „Brigadesieger“: Seitlich des Gruppenarrangements, befindet sich – etwas angedockt wirkend – ein Tiefenraum mit unterschiedlichen, heute kaum deutbaren Attributen und einem Jungen (oder Mädchen? Ja, wo sind die Frauen?), der mit ausgestreckter Hand auf die Helden der Arbeit deutet. Ich musste an das Singegruppen-Lied jener Zeit denken, mit der Zeile: „Sagen, sagen wird man über unsre’ Tage …“

Abgesehen vom ideologischen Kontext ist das Bild furios gemalt. Sitte komponierte aber nicht nur großformatige Gruppenbilder mit politischem Anspruch. Berühmt sind seine Aktbilder Rubens’scher Kraft und Fülle. Sitte war hier wohl seiner Zeit voraus. Sein Frauenbild entsprach bereits damals unseren heutigen Vorstellungen. Sitte stellte Frauen in kraftvollen Akten, nicht selten in Liebesszenen dar. Die Frauen strahlen Sinnlichkeit, Selbstbewusstsein und Energie aus. In den 80er Jahren wurde Willi Sitte auch als „kühnster Erotiker der Gegenwart“ bezeichnet. Das 1977 entstandene „Liebespaar (Akt im Bademantel)“ aus unserer Sammlung ist dafür ein gelungenes Beispiel.

Willi Sitte gehörte zu den „Big Four“, einer auch als „Viererbande“ bezeichneten Gruppe von Malern in der DDR. Neben Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig und Werner Tübke nahm er 1977 an der „documenta 6“ in Kassel teil. Die „documenta“ gilt neben der Biennale in Venedig als die wichtigste Ausstellung der Welt; insofern war die Teilnahme – auch Jo Jastram und Fritz Cremer wurden eingeladen – ein Ritterschlag.

Sitte war ein enorm produktiver Künstler. Daran änderte auch sein Eintritt in die Politik nichts. Ab1976 war er Abgeordneter der Volkskammer und von 1986 bis 1989 Mitglied des Zentralkomitees der SED. Obwohl zunächst am italienischen Realismus, an Picasso und Leger orientiert, entwickelte er später eine an der Doktrin des sozialistischen Realismus orientierte monumental-dynamische, aber sehr eigenständige Malweise. Unsere Kunsthallen-Ausstellung seines Frühwerks vor zwei Jahren ermöglichte da einen guten Vergleich zu den später entstandenen fünf Bildern unseres Sammlungsbestandes.

In Bezug auf seine Kollegen war Sitte durchaus sensibel und unterstützte Künstler, wo es seiner Meinung nach notwendig war. Andererseits konnte Sitte auch vernichtende Urteile aussprechen. Ich erinnere mich, wie man Spalier stand, als Willi Sitte die Kunsthalle Rostock besuchte, um an der Jury zur Kunstausstellung des Bezirks Rostock teilzunehmen. Er verfolgte das Prozedere im Plastiksaal der Kunsthalle zunächst mit zurückhaltenden Kommentaren. Dann wurde ein Bild von Matthias Wegehaupt aufgerufen, dass ausschließlich banal gemalte Bockwürste zeigte – wohl eine Reminiszenz an den berühmten Maler Sigmar Polke, vielleicht auch eine Provokation. Ich musste seinerzeit an „Bananenrepublik“ denken, einen Begriff für autokratische Staaten, warum also nicht „Bockwurstrepublik“. Sitte war nicht amüsiert – im Gegenteil. Die gewollte oder ungewollte Provokation versetzte ihn derart in Rage, dass er nach Fassung rang.

Willi Sitte hatte aus verschiedenen Gründen einen Hang zum Üppigen, zur großen Konstruktion. Er verstand sich auch als jemand, der einen politischen Auftrag zu erfüllen hatte. Kunst war dann konsequenterweise mit Agitation und Ideologie verbunden. Man kann seine Bilder allerdings auch anschauen und gleichzeitig den narrativen Überbau ausblenden, was als Möglichkeit von Theoretikern üblicherweise bestritten wird. Es bleibt dann opulente Malerei. Für das nachgeborene Museumspublikum wird es mit zeitlicher Distanz immer komplizierter, auf Anhieb eine adäquate Bild-Deutung zu finden. Warum also nicht einfach schauen? „Einfühlung“ nannte das der Kunsthistoriker Wilhelm Worringer.

Bild der Woche:
Willi Sitte – Die Sieger (Brigadesieger), 1972, 270 x 165 cm

Autor:
Dr. Ulrich Ptak

Bilder:
Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock

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