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Konrad Knebel Rostock, Altstadt mit Nikolai, 1966 Öl auf Leinwand, 70 x 80 cm © Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock

Konrad Knebel 
Rostock, Altstadt mit Nikolai, 1966
Öl auf Leinwand, 70 x 80 cm
© Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock Konrad Knebel 
Alter Markt in Rostock, 1966
Öl auf Leinwand, 54 x 71 cm
© Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock

Bild der Woche / 10 / Konrad Knebel

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Zwei Stadtansichten von Rostock

Konrad Knebel, 1932 in Leipzig geboren, malt spätestens seit Ende der 50er Jahre vor allem und dann nahezu ausschließlich Stadtlandschaften. Sein Oeuvre ist riesig und umfasst mehrere hundert Bilder. Knebel studierte in Ost-Berlin bei Kurt Robbel und Arno Mohr (Werke von beiden Künstlern in unserer Sammlung). Vor allem von Robbel, so Knebel, habe er frühzeitig gelernt, mit Strenge und Konsequenz vorzugehen.

Schauen wir uns zunächst „Altstadt mit Nikolai“ an. Nahe am „Goldenen Schnitt“, jedenfalls aus der Mitte gerückt steht monolithisch der Nikolai-Kirchturm. Das Kirchenschiff (der ältesten Hallenkirche im Ostseeraum) wurde während der anglo-amerikanischen Bombenangriffe auf Rostock hoffnungslos zerstört. Erst 1976 erfolgte eine Rekonstruktion in deren Folge, und ungewöhnlich, im Kirchendach Wohnungen entstanden.

Der Turm wirkt wie ein Mahnmal, allerdings wie ein ruinöses Mahnmal. Man darf annehmen, dass Knebel bei seinen Reisen durch verschiedene Städte – wobei sich sein künstlerisches Hauptwerk auf Berlin konzentriert – über deren Geschichte recherchierte. So war er vermutlich informiert, dass auch der Turm und die gesamte Kirche St. Petri – nicht weit entfernt, am Alten Markt gelegen – während des Krieges ausbrannten. Dieses Wissen scheint sich in dem rötlich gefärbten Himmel niederzuschlagen. Die Perspektive staffelt sich vom erhöhten Standpunkt der Großen Wasserstraße (Nähe Neuer Markt) über die Grubenstraße bis in die dicht bebaute Altstadt. Rauch steigt auf, wie alles ein wenig rußig wirkt; die Fassaden, Brandmauern, der Schornstein der ehemaligen Brauerei haben eine verrußte Patina; sie reflektieren das schwere Licht. Das Bild ist augenscheinlich von einer gewissen Melancholie erfüllt, die aber von Knebel nicht zu sehr betont und vielleicht auch nicht beabsichtigt ist. Anhand anderer Arbeiten kann man gewiss sagen, dass Knebel eher ein Chronist ist, denn ein Romantiker oder Moralist; und interessiert vor allem an den kompositorischen Herausforderungen, die von Straßenzügen ausgehen. Seine Art zu malen, ist keinesfalls freudlos, der Künstler bevorzugt allerdings eine besondere Stimmung, die ich sehr gut nachempfinden kann. Ich lebte einige Jahre in der Altstadt, wie im Übrigen viele Studenten.

Und damit kommen wir zum zweiten Bild „Alter Markt“. Dort holten wir, nach anstrengenden Vorlesungen und Seminaren an der Ecke zur Diebstraße bei „Mutter Krohn“ unser Bier mit Krügen direkt vom Ausschank. In der Kneipe hing auch ein – in meiner Erinnerung, wohl wegen des Dramas – großes Bild vom brennenden und herabfallenden Turm der Petrikirche; ich meine es war vom Inhaber gemalt. Man kann es heute in den Räumen der Petrikirche besichtigen. Knebels künstlerischer Blick arbeitet sich ein Stück in die Tiefe, entlang der Altschmiedestraße wieder hin zum Turm von St. Nikolai. Rechts im Bild, teilweise von Bau- und Pferdewagen (1966!) verdeckt, die Gaststätte Krohn. Antennen (wozu waren die eigentlich da?) ragen in den Himmel. Eigenartig, immer denke ich beim Anblick von Fotografien und Darstellungen jener Zeit an das Geräusch, wenn die Kohlen kamen und über eine Schütte im Keller gebunkert wurden.

Das Leben in den 60er Jahren mag uns aus heutiger Sicht, wo alles immer schicker, bunter und grüner wird („urban gardening“), als eine triste Angelegenheit vorkommen. Ein Blick auf die Kunstgeschichte zeigt allerdings auch, dass jede Zeit ihre Darstellungsweisen mit der damaligen Realität verband. Ich denke, Knebel wollte anhand der Stadtlandschaften, seine durch den Krieg geprägte Wahrnehmung, Geschichte bewahren, aber dies nicht in einer schillernden, prachtvollen Überhöhung, wie die Maler der Veduten es taten. Alter hat mit der Vergangenheit zu tun, und man sieht den Gebäuden ihre von Wunden geprägte Historie an.

Der Rostocker Fotograf Gerhard Weber, mit dem ich gerade über den Ort „Alter Markt“ telefoniere, ist in ganz ähnlicher Weise Chronist. Nicht nur aus Ermangelung an Material hat er über Jahrzehnte Antlitz und Charakter Rostocks in schwarz-weißen Fotografien festgehalten, die Grautöne betonend. Das Werk beider liest sich wie ein Plädoyer für das „Unbunte“.

Mir fällt ein, dass ich mit einer Künstlerin arbeitete (Martina Stein), die das gesamte Inventar eines verlassenen Hauses von der Gardine über das Geschirr bis zum Stiefelknecht zeichnete, um so ein Archiv gelebten Lebens zusammenzutragen. Konrad Knebels Oeuvre ist in seiner systemischen Ausprägung – im Sinne der andauernden und konzentrierten Erfassung von Stadtansichten – einmalig. Er hinterlässt nachfolgenden Generationen ein Arsenal der Erinnerungen. 2009 erhielt er den Hannah-Höch-Preis der Stadt Berlin.

Wie Ironie wirkt, dass Knebel 2012 sein Atelier im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, in dem er seit 38 Jahren gearbeitet hatte, verlassen musste, weil im Zuge der dort ablaufenden Gentrifizierung ein Umbau zu einem Großraumbüro anstand.

Bild der Woche:
Konrad Knebel, Rostock, Altstadt mit Nikolai, 1966, Öl auf Leinwand, 70 x 80 cm

Konrad Knebel, Alter Markt in Rostock, 1966, Öl auf Leinwand, 54 x 71 cm

Autor:
Dr. Ulrich Ptak

Bilder:
Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock

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