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Hermann Lindner Trüber Wintertag 1978 © Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock

Hermann Lindner
Trüber Wintertag
1978
© Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock Hermann Lindner
Melancholie
1977
Acryl auf Hartfaser, 85 x 79 cm
© Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock Hermann Lindner
Die schwarzen Boote
1980
© Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock Hermann Lindner
Schaprode
1976
© Aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock

Bild der Woche / 1 / Hermann Lindner

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Hermann Lindner – Melancholie

1977, Acryl auf Hartfaser, 85 x 79 cm

In unserer Sammlung befinden sich vier Werke des Stralsunders Hermann Lindner (1943 – 2000). Eines davon, eine Landschaft („Schaprode“, 1976) ist eine Schenkung des Künstlers. Zwei weitere Arbeiten sind ebenfalls Landschaften („Trüber Wintertag“, 1978, und „Schwarze Boote“, 1980), die ihn ab Mitte der 70er Jahre bekannt machten, als er mit einer Gruppe von Malern in Bulgarien seine expressive und stark reduzierte Malweise entwickelte und dort bald als „Mister Plein Air“ bezeichnet wurde.

Ich schätze diese Landschaften und ganz besonders jene, die ganz aus dem Weiß des Untergrunds – und mit ausgesprochen sicherem Gefühl – Phänomene der Natur abbilden, mit einem Minimum an malerischen Gesten.

Ein weiteres, für das Œuvre vielleicht nicht so typisches Bild stammt aus dem Jahr 1977 und heißt „Melancholie“. Aristoteles und Dürer widmeten sich bekannterweise dem Thema; Nietzsche wäre zu nennen. In unserer „Edvard Munch“-Ausstellung 1994 wurde das Thema beleuchtet. Es gab große, opulente Ausstellungen, die erklärten, warum das Melancholische eine Triebfeder der Kunst ist.

Hermann Lindner hatte in seinem Leben einige Schicksalsschläge zu verarbeiten. Auseinandersetzungen mit dem Regime der DDR taten ihr Übriges; ein von ihm unternommener Fluchtversuch wurde mit zwei Jahren Gefängnis bestraft. Dennoch findet man in seinem Werk weder Wut und Angst noch Verzweiflung. Selbst die hier im Bilde intendierte Melancholie ist eine leise.

Die zentrale Figur der Arbeit ist geometrisch-rhythmisch gebaut, ja nahezu abgezirkelt; das Maß spielt eine besondere Rolle. Die Farbe ist dünn aufgetragen, die Vorzeichnungen konturieren den Körper, der ätherisch, flächig wirkt. Man sieht und versteht: dies ist keine reale, abgebildete Person. Das alles ist explizit symbolisch, gar spirituell gemeint. Die schützende Haltung der Hände, der extrem geneigte Kopf: das Melancholische neigt also zum Träumerischen, denkt man. Und die Figur ist eingebettet in Farbfelder, die Stimmungsmomente charakterisieren könnten, und in ein schneidendes Kreuz. Welches Kreuz auch immer, selbst ein Fensterkreuz ist denkbar, welches den Vordergrund markiert und Einsicht gewährt.

Mit einem Blick in die Kunstgeschichte finden sich Parallelen zu Alexej von Jawlensky, zu seinen Meditationsbildern – ja, auch das Bild von Lindner hat etwas Meditatives – und zu seinen Heilandsgesichtern. Weitergesponnen lässt es uns an den gekreuzigten Jesus denken, an den stark geneigten Kopf des Gottessohnes im Isenheimer Altar von Matthias Grünewald. Einige zeichenhafte Formulierungen erinnern an
Paul Klee.

Hermann Lindner wollte nach eigenen Worten „das Naturalistische zur Form hin überwinden“. In seinem Werk finden sich großartige, rhythmisch-melodiöse Kompositionsgefüge, die das Wesen von Dingen spiegeln, nicht deren Abbild.

Bild der Woche:
Hermann Lindner – Melancholie, 1977, Acryl auf Hartfaser, 85 x 79 cm

Ausstellung:
Die Kunsthalle Rostock widmete dem Künstler 2001 eine umfassende Werkschau.

Autor:
Dr. Ulrich Ptak

Bilder:
Aus der Malerei-Sammlung der Kunsthalle Rostock

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